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Glaubwürdigkeit - Ein Essay über das Fundament des Vertrauens

21. Juli 2026

Der Fall „Jens Spahn“ macht im Juli 2026 auf unübersehbare Weise eine Krise unseres sozialen Miteinanders deutlich. Es geht um den weitreichenden Verlust von Vertrauen und Glaubwürdigkeit von Menschen und Institutionen, die beanspruchen, das Handeln in der Gesellschaft lenken und beeinflussen zu können.

Dass Vertrauen der Anfang aller Beziehungen und Glaubwürdigkeit ihre Voraussetzung ist, war bereits in der Antike bekannt. Entsprechend verstand Cicero „fides“ als Fundament aller zwischenmenschlichen Beziehungen: „Fundamentum autem est iustitiae fides, id est dictorum conventorumque constantia et veritas.“ [„Die Grundlage der Gerechtigkeit ist die fides (= Verlässlichkeit), das heißt Beständigkeit und Wahrhaftigkeit im Einhalten gegebener Worte und Vereinbarungen.“ (De officiis I, 23)] Bereits in dieser Definition ist Glaubwürdigkeit unmittelbar mit Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit verbunden. „Fides“ erscheint hier als Grundlage sozialer Bindung. In großer Anschaulichkeit hat der vielleicht bedeutendste augusteische Dichter diesen Gedanken in seiner „Aeneis“ dargelegt. Die „fides“, also die Glaubwürdigkeit“, ist in der „Aeneis“ ein zentrales moralisches und politisches Prinzip: Sie bezeichnet Treue, Vertrauenswürdigkeit und die Verlässlichkeit von Bindungen. Vergil macht fides zum Prüfstein von Aeneas’ Charakter, zum Motor tragischer Konflikte (besonders bei Dido) und zum Fundament der römischen Zukunftsordnung, die im Epos prophetisch entworfen wird.  Sie gilt als vielschichtiges Kernideal der römischen Kultur, da sie wesentliche Aspekte wie Vertrauen, Treue, Loyalität, Vertragstreue, Glaubwürdigkeit und moralische Verlässlichkeit, Schutz und Verpflichtung in persönlichen und politischen Beziehungen und die Einhaltung von Versprechen und Eiden umfasst.

Dass ein Kernideal wie Glaubwürdigkeit im modernen sozialen Kontext dermaßen seinen Wert verliert, hängt zweifellos mit dem immensen Bedeutungszuwachs der medialen Öffentlichkeit zusammen. Insbesondere digitale Medien verändern radikal die Strukturen von Aufmerksamkeit, Informationsproduktion und Vertrauen. Je stärker Öffentlichkeit medial vermittelt ist, desto fragiler wird Glaubwürdigkeit – und desto schneller kann sie verloren gehen. Fake News, Künstliche Intelligenz, politische Polarisierung und soziale Medien haben einen entscheidenden Anteil an Desinformationskampagnen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump belügt das amerikanische Volk und die Weltöffentlichkeit mit leicht widerlegbaren bzw. mit bereits der Unwahrheit überführten Behauptungen. Erwähnt zu werden braucht hier nur die These von der gestohlenen Wahl 2020. Laut einer Formulierung Kellyanne Conway´s, einer ehemaligen Beraterin des Präsidenten, handelt es sich dann um „alternative Fakten“. Der Soziologe Nils Kumkar spricht hinsichtlich der Falschinformationen von einem „kommunikativen Ausweichmanöver“ [https://up2date.uni-bremen.de/artikel/alternative-fakten-sind-ein-kommunikatives-ausweichmanoever, Stand: 20.07.2026] und meint damit den Versuch, gesicherte Kenntnisse und Erkenntnisse ins Wanken zu bringen, um auf der einen Seite Verunsicherung hervorzurufen, auf der anderen Seite aber die argumentative Deutungshoheit bei den eigenen Anhängern zu behalten.

Da die digitale Öffentlichkeit mit Informationen unterschiedlicher Provenienz und unterschiedlichem Wahrheitsgehalt überfrachtet ist, wird der gesellschaftliche Zusammenhang immer mehr fragmentiert und der soziale Erosionsprozess beschleunigt. Damit sinkt das Vertrauen, weil Orientierung schwerer bzw. unmöglich wird. Die Heterogenität der Informationsquellen (klassische Medien, Influencer, kleine Kanäle und politische Akteure mit sehr unterschiedlichen Standards) erschwert die Einschätzung, wem man glauben kann. Zudem führt der Vertrauensverlust gegenüber Informationsquellen bzw. der Prozess der Anonymisierung von Nachrichten zu einer Diskrepanz zwischen medialer und persönlicher Realität: Viele Menschen erleben die Welt anders, als sie in Medien dargestellt wird. Das erzeugt Entfremdung und Rückzug.

Glaubwürdigkeit entsteht nicht allein durch Fakten, sondern durch Vertrauen. Das erfahren bereits Kinder, deren Urvertrauen in das Leben, in die Menschen und in die Welt auf der Vorstellung von Seriosität, Güte und Zugewandtheit der Bezugspersonen basiert. Allerdings sind Erziehung und Sozialisation darauf angelegt, das kindliche Urvertrauen in Frage zu stellen bzw. der Realität anzupassen. Da Kinder heute viel zu früh in Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, Schule, Kirche und Gesellschaft die Erfahrung machen, dass Vertrauen untergraben wird, Manipulationsmechanismen in Gang gesetzt werden und Wahrheit zur Unwahrheit verkommt, hat die Glaubwürdigkeit den Stellenwert eines Kernideals eingebüßt. Das biblische Wort „Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Matth. 5,37) scheint ganz in Vergessenheit geraten zu sein. Wie exemplarisch der Fall Jens Spahn belegt, wird die Erosion der Glaubwürdigkeit offenkundig durch das Verhalten von Autoritäten in allen Positionen forciert; das gilt für die qua Amt verliehene Autorität wie auch für die natürliche bzw. die ursprünglich durch persönliche Integrität erworbene Autorität. Gerade auf der politischen Ebene werden Lügen und Verlogenheit instrumentalisiert, um Einfluss, Selbstbehauptung, Macht zu sichern. Im Wissen um die schlechteren Argumente will keiner wehrlos zu erscheinen und bedient sich aus Angst vor Verlust von Ansehen und Reichtum selbst zweifelhaftester Mittel und Methoden, um das Gefühl von Macht kontinuierlich befriedigen zu können. Dabei macht man sich die Verführbarkeit der Menschen zunutze: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur“ [„Die Welt will betrogen werden, also soll sie betrogen werden.“] – heißt es in einer frühneuzeitlichen Redewendung. Der Satz bringt eine ausgesprochen skeptische Sicht auf den Menschen zum Ausdruck: Wer getäuscht werden möchte, macht Täuschung erst möglich. Betrug gedeiht dort, wo der Wunsch nach einfachen Antworten größer ist als die Bereitschaft zur kritischen Prüfung. Das Bedürfnis, bedingungslos einer Gemeinschaft anzugehören, die sich unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Aussagen, der faktischen Richtigkeit ihrer Vorstellungen und Überzeugungen bzw. der moralischen Legitimation ihrer weltanschaulichen Positionen definiert, schafft günstige Voraussetzungen für Fake News, Desinformation, Verschwörungstheorien, Ideologien, Scharlatanerie, Propaganda oder religiösen Missbrauch.

Gipfelkreuz

Die Frage, wie man aus dem circulus vitiosus einer sich vorgeblich an traditionellen Wertvorstellungen orientierenden, tatsächlich aber Glaubwürdigkeit immer mehr einbüßenden Lebenspraxis entkommt, ist nicht mit dem einfachen Hinweis „Sei glaubwürdig!“ zu beantworten. Glaubwürdigkeit lässt sich weder kaufen noch erzwingen. Sie entsteht langsam und kann schnell verloren gehen. Zweifellos sollte man die menschliche Fähigkeit, Wahrheit zu suchen und Irrtümer zu korrigieren, nicht unterschätzen. Gerade Wissenschaft, kritischer Journalismus und demokratische Öffentlichkeit beruhen auf der gegenteiligen Annahme: dass Menschen zwar täuschbar sind, aber auch lernen können, Täuschungen zu erkennen. Trotzdem bleibt das Problem, wie man verlorengegangenes Vertrauen wiederherstellt. Der Verlust von Glaubwürdigkeit ist zweifellos kein individuelles Phänomen, sondern ein systemischer Prozess, der aus der Struktur der medialen Öffentlichkeit selbst entsteht. Gleichwohl scheint der Ausweg aus dem Dilemma nur über die Leistung des Individuums möglich.

Glaubwürdigkeit setzt Vertrauen voraus, das durch Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit des einzelnen Individuums verdient wird. Wenn jeder Einzelne, insbesondere derjenige, der im öffentlichen Raum agiert, sich um Integrität bemüht, d.h. sein Handeln an ethischen Grundsätzen ausrichtet und sich auch unter persönlich schwierigen Umständen besonnen verhält, in Situationen also, in denen nicht kurzzeitiger Erfolg und vordergründige Zustimmung bzw. Anerkennung gesucht werden, dient er der Sache der Glaubwürdigkeit. Je größer die Verantwortung, desto höher die Anforderungen an Glaubwürdigkeit. Nur wer als Voraus­set­zungen das Eingeständnis von Fehlern, die notwendige Transparenz von Entscheidungsprozessen, ein konsequentes Handeln und die entsprechende Geduld anerkennt, wird Glaubwürdigkeit erreichen. Denn in einer Welt unbegrenzter Informationen wird Glaubwürdigkeit immer kostbarer. Nicht die lauteste Stimme überzeugt, sondern jene, deren Worte und Taten dauerhaft übereinstimmen. Glaubwürdigkeit beruht nicht allein auf der Wahrheit einer Aussage, sondern auf der Übereinstimmung von Wahrheit, Charakter und Handeln. Sie ist die demokratische Grundlage jedes nachhaltigen Vertrauens – im persönlichen Leben ebenso wie in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Gefahr ist nämlich groß, dass ohne Vertrauen öffentliche Kommunikation und demokratische Verfahren nicht funktionieren. Wenn Autoritäten, Politiker, Medien ihre Glaubwürdigkeit verlieren, verliert die Demokratie ihre Konsistenz und ihre kommunikative Stabilität.

Zu erinnern ist abschließend an das schöne Zitat unbekannter Herkunft: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

Hans-Jürgen Blanke

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